Texte von Caroline Hofer.
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Das Kind in mir (inklusive Gesamttext als PDF)
Radfahren mit Sarah Ich trat fest auf und sagte zu Sarah:
Manchmal spielt es in meinem Leben tragikomische Stücke, und da fällt mir ein, warum französische Filme beängstigend sind und ich mich jedes Mal aufs Neue weigere, mir einen von ihnen anzusehen. Ein, zwei pro Leben vielleicht, dann ist es aber genug.
Ich habe schon mehr als zwei französische Filme gesehen, antwortete Sarah, immer dann, wenn es mir nicht gut ging. Sie verstärkten mein Gefühl. Diese Filme lügen nicht. Wenn mein Leben wieder einmal französisch ist, weine ich viel. Das ist gut so. Ich bin den Autoren sehr dankbar. Sie schreiben Geschichten, die sie aus ihrem eigenen Leben schöpfen. Um den Schmerz zu überwinden und das Erlebte zu verarbeiten, nehmen sie es mit Humor und machen einen Film daraus.
Vernünftig und straight, wie Autoren nun mal sind, sagte ich. „Jetzt habe ich wieder ein Stück Brot für die Kunst“, raunen sie einander zu, öffnen ihre Wunden und stecken alles, was sich darin befindet, in Geschichten. Das ist gut fürs Budget, sagte ich. Und gut für die Zuschauer, sagte Sarah. Die Filme halten sich nicht an die Vorlagen irgendwelcher Theoretiker, es bleibt nur die Wahrheit, die zählt und die bei mir Punkte macht. Je länger der Film dauert, desto dunkler wird die Handlung, desto düsterer wird die Stimmung. Sie färbt auf dich ab, sie dringt in den Kinosaal; mit einem Hechtsprung ergreift sie den Raum. Die Menschen um dich herum verlieren ihre Gesichtsfarbe, eine Trauerdecke legt sich über den Saal. Die Stimmung ist depressiv und angespannt, einige weinen, einige sind zu erstarrt, um noch irgendetwas zu tun.
Und das willst du sehen?, fragte ich Sarah.
Wenn ich ins Kino gehe, selektiere ich genau. Ich versuchte, es Sarah zu erklären. Wenn ich mich die paar raren Male entscheiden darf, was ich machen will und was nicht, packe ich die Gelegenheit beim Schopf. Traurige Streifen haben fröhlichen gegenüber keine Chance. Ich muss das mit der Melancholie nicht übertreiben. Filme, die mich wirklich beängstigen, sind jene, die am Ende die Katastrophen offenbaren, die sich schleichend abzeichneten. Jene, bei denen du dir anfangs noch denkst, dass der Streifen gut ausgeht, und erst überzeugt bist, dass es zu einem bösen Ende kommt, nachdem du es gesehen hast.
Franzosen sind der Meinung, dass es okay sei, wenn du dafür zahlst, betrübt aus dem Kino zu gehen. Keine Antwort auf deine Bedrücktheit und keinen Trost zu erhalten, weil der Regisseur nicht aus dem Film herausspringt, dich an der Hand nimmt und durch dein Leben führt, das du nach dem Kinoerlebnis weiterführen musst. Du begreifst den Ernst der Lage erst, nachdem „fin“ aufgeleuchtet hat, die Lichter im Saal erloschen sind und du den Abspann bis zur letzten Copyrighterwähnung an dir vorbeiziehen hast lassen. Dann entsteht diese Leere in dir. Der Kummer breitet sich aus und im schlechtesten Fall ist es ein Abend im November. Es regnet, während du auf die Straße trittst, deine Begleitung verabschiedet sich schnell, und keine zumutbare Verkehrsanbindung verbindet das Kino mit deinem Haus.
Ist das deine Vorstellung von einem schönen Abend?, fragte ich Sarah nochmals. Kann sein, antwortete sie. Ich mag keine französischen Filme, wiederholte ich. Ich brauche die Kunst nicht, um mich traurig zu fühlen. Ich merke es schon im Vorhinein. Dass Geheimnisse, die in diesen Filmen versteckt sind, irgendwann im Laufe der neunzig Minuten an die Oberfläche gelangen, weiß ich. Und dass die Geheimnisse, die es im Leben gibt, irgendwann auf der Bildfläche meines Alltags erscheinen, weiß ich auch. Das Traurige im Leben verdränge ich gerne.
Ich weiß.
Ich gehöre nicht zu denjenigen, die ihm etwas abgewinnen können oder es zelebrieren.
Ja, ja.
Ich gehöre nicht mehr dazu.
Du zählst dich also zu den Menschen, die Trauriges traurig finden und möchten, dass es so bald wie möglich verschwindet?
Zu denen zähle ich mich, stimmt genau, ich tue alles dafür und verfolge keine Auseinandersetzung mehr mit Trauer oder Schmerz. Dass die Trauer auf der Leinwand nur Illusion ist, kannst du mir aber nicht erzählen.
Ideenfabrik. Mehr. Eben.